© Dr. Hilmar Alquiros The Philippines 2002 ff. 

 

Die Schachpartie

 

     Er streckte mir beide Fäuste entgegen. Ich bemerkte einen Anflug von Anbiederei in seiner linken Faust, tippte auf die rechte und entnahm ihr einen weißen Bauern.

     >Serr gutt<, log er, so gut er konnte, >... Schwarz ist meine Lieblingsfarbe, junger Mann!<

     Während ich meine sechzehn Steine aufbaute, bemerkte ich eine ungewöhnliche Erregung in meinen Händen. War es, weil ich mich nun endlich nach mehreren anderen Gegnern zu ihm hochgespielt hatte, dem Caféhaus-Matadoren?

     >Normales Blitzspiel, jeder fünf Minuten für die Partie! Um zähn Mark mit Kontra und Re! Jetzt kommt der Ernst des Läbens, mein Herr!<

     Er war mir als Blitzschach-Koryphäe empfohlen worden, als ich bei den hiesigen Klubmeistern nach guten Spielgelegenheiten an freien Nachmittagen gefragt hatte. Angst vor seiner Spielstärke war es jedenfalls nicht. Gerade hatte ich einige kleinere Meisterschaften gewonnen, in der Heimatstadt, vor dem Umzug in das unklare Leben nach dem Diplom. Wie befreit hatte ich mich ins Schachleben gestürzt.

     Übergründlich zog der alte Horowitz die Schachuhr auf, überprüfte das Blättchen, vor dessen Fall man mattgesetzt haben musste, und stellte die beiden Teiluhren auf fünf Minuten vor zwölf. Wortlos zog ich den Königsspringer nach f3.

     >Ultramodern!< säuselte er zu den Kiebitzen, die sich um ihren Meister und den Fremdling zu einer dichten Traube formierten. Sein Damenbauer kündigte mit dem Doppelschritt sofortigen Kampf um die Initiative an.

     Während ich die Eröffnung betont solide, aber nachhaltig und der Schachtheorie gemäß in den Königsindischen Angriff leitete, ließ meine vermaledeite Unruhe nicht nach. Ausnahmsweise hatte ich mich auf eine Schachpartie um Geld eingelassen, es kribbelte stärker - das also war es! Gespottet hatte ich sonst über das Caféhaus-Schach um ein paar Moneten - das hehre Königliche Spiel mit seinen köstlichen geistigen Genüssen, in den Meisterpartien wie in den kunstvollen Schachkompositionen, wie könne man es nur in die niedere Ebene des schnöden Geldspiels hinabziehen. Aber hier wäre die Ablehnung als vermeintliches Bekenntnis der Unterlegenheit ausgelacht worden.

     >Ach so, ein Theoretiker, der Herr!< schnaubte mein Gegner, als er nach fünfzehn beiderseitigen Zügen konstatierten musste, dass wir noch immer einer der vielen Hauptvarianten gefolgt waren. Zufall meinerseits konnte es kaum sein, da wir beide recht schnell gezogen hatten und die Uhren noch gut viereinhalb Minuten Spielzeit anzeigten.

     >Nun wollen wir ihn mal bäfragen!< lächelte Horowitz nach längerem Grübeln den Kiebitzen zu, die untertänigst flüsterten. Zum ersten Mal wich er von der Theorie ab, mit einem gewagten, aber durchaus respektablen Zug, der mich zwingen sollte, das sichere Fahrwasser zu verlassen. Bevor ich mich für den bald offensichtlichen Widerlegungszug entschied, der mir eine gute Angriffsmöglichkeit auf seinem Königsflügel ohne erkennbare Schwächung meines eigenen Lagers bot, schaute ich mir sein Gesicht an - wertvolle 30, 40 Sekunden lang: Drängend, getrieben, süchtig wirkten seine versteckten Pupillen unter der faltigen Stirn.

     >Mitte 60, war mal im Osten irgendwo ein bekannter Meisterspieler, immer noch bärenstark, spielt nur Blitzschach um Geld, nur in diesem Café. War seit vielen Jahren arbeitslos, klopft ständig lästige Sprüche, Kriegsversehrter ... hinkt, wenn er mal ausnahmsweise nicht am Brett sitzt!< hatten ihn die Jungs aus dem Klub beschrieben.

     >Bringen Sie mir noch einen Kaffä, bittäschön!<, rief er der rundlich-selbstbewussten Bedienung zu, die den schummrigen Nebenraum für die verzehrfaulen Schachspieler versorgte.

     >Können der Herr auch zahlen - heute?!<  Seine roten Flecke auf den Wangen wurden scharfrandig.

     >Nach dieser Partie bestimmt! - Kontra, mein Herr!< So, nun ging es um zwanzig Mark, wenn ich weiterspielte;  hatte er den seltsamen Zug nur gemacht, um mich in eine etwas bessere Position zu bringen? Damit ich auf die Erhöhung einging?! Ich schwieg, wie bisher, zog nach einem Blick auf die Uhr - etwa drei Minuten, er noch dreieinhalb! - einen hinterlistigen Opferzug, den offenbar niemand bedacht hatte, wie man an dem ehrfürchtigen Geraune der Kiebitze bemerken konnte. Ein Ruck ging durch seinen ganzen Körper. Er fingerte an seiner Zigarette, weitete seinen Kragen und nahm den Kopf zwischen beide Hände.

     Mit ähnlichen Zügen hatte ich meinen Vater verblüfft - damals, einige Zeit, nachdem er mir, als ich zehn war, endlich die Schachregeln gezeigt hatte. Ein paar Jahre später, nach dem ersten gewonnenen Blindspiel, hatte er mich umarmt, aber nie wieder gegen mich gespielt.

     Zwiespältig war es mir auch einmal in unserem Schulschach­klub er­gangen, als ich unverhofft von unserem Geschichtslehrer herausgefordert worden war. Er, der uns knechtete, mit seiner Rohrstock-Pädagogik und mit seinen gelben Knöcheln, der uns die Pyrrhussiege der braunen Demagogie als Naturrecht verkaufen wollte, er musste damals zur Genugtuung der anderen Schüler eine bittere Niederlage einstecken, aber meinen Sieg hat er mir danach ein halbes Jahr lang vergällt.

     >Von langer Hand geplant, was?! Alles schon da gewesen, wie Ben Akiba sagte!< Sein Zug war wirklich gekonnt, Horowitz antwortete mit einem flotten Gegenopfer, das ganze Brett brannte plötzlich lichterloh. Die Kiebitze rückten unangenehm nah an uns heran und tuschelten ihre dilettantischen Halbwahrheiten.

     'Gut gemacht, du alter Haudegen!' dachte ich, nicht ohne erste Regungen von Sympathie. Allmählich begann ich zu ahnen, welch ein misslungenes Leben hinter dieser einst so vielversprechenden Stirn hauste. Gern hätte ich seine wirren Haarsträhnen, die asymmetrischen Mundwinkel, seine blitzgescheiten, aber stählernen Augen genauer analysiert, doch die Uhr tickte unerbittlich. Noch zwei Minuten - ich grub mich tiefer in die Stellung ein. Aha, ein nochmaliges, brillantes Opfer meiner Dame, und der Angriff würde kaum zu halten sein - oh, wenn diese fantastische Kombination klappen sollte ... diese Partie werde ich einrahmen!

     >Re!< hauchte ich, als ich den verrückten Zug spielte, der an Marshalls legendäres Damenopfer erinnerte - nun musste er wählen: zwischen schmählicher Einsicht und Hergabe von 20 Mark oder heldenhaftem Weiterspielen um die doppelte Summe ohne greifbare Aussicht darauf, das Blatt noch zu wenden.

     Horowitz schwitzte, er lockerte das Hemd noch weiter, er schmatzte ärgerlich, trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Auch seine Uhr zeigte jetzt nur noch etwas mehr als eine Minute an. Er machte einen Zug, stieß dabei einige Steine um, baute sie hastig wieder auf. Doch was war das? Einen Bauern hatte er verkehrt vor seinen König postiert.

     Ich protestierte lautlos, indem ich die Uhr für einen Moment anhielt, den Bauern geruhsam auf sein eigentliches Feld zurückschob - langsam, betont langsam. Bei verbalem Protest hätte er die drohende Niederlage vielleicht durch geschicktes Lamentieren vermieden, gegen die dröhnende Stille im Raum jedoch half nur eiserne Gegenwehr auf dem Schachbrett.

     >So, nein, ja ...<, stammelte er, ohne einen der Kiebitze anzuschauen. Ich hatte ihn! Eine Minute müsste mir genügen für solch eine Stellung - das wusste ich aus zwölfjähriger Routine, die mir der alte Horowitz freilich noch nicht zugetraut hatte. Ich spürte seine Gedanken geradezu, fühlte, wie er einsah, dass er meinen Mattangriff - trotz verhältnismäßig weniger Steine auf dem Brett! - wohl kaum überstehen konnte.

     >Alter Patzer!< donnerte er in den Raum - und meinte sich offenbar selbst, da er sich heftig gegen die Stirn schlug. Doch dann machte er einen grotesken Zug, der wohl alles auf eine Karte setzten sollte. Das Blättchen bog sich schon fast waagerecht. Jeder hatte jetzt noch etwa eine halbe Minute für den Rest der Partie. Meine Gedanken fieberten noch immer dem Sieg entgegen - doch halt! Der alte Teufel hatte, falls ich nicht einen Sicherheitszug einflechten würde, eine geradezu aberwitzige Rettungsidee entdeckt! Meine geplante Zugfolge würde er mit einer schier unglaublichen vierzügigen Mattführung widerlegen! Seine Kombination stand meiner Idee in nichts nach: originell, pointiert, scheinbar aus dem Nichts aufs Brett gezaubert.

     Das Blättchen wird in rund 30 Sekunden fallen. Ich ziehe meinen König in eine uneinnehmbare Festung zurück. Nur Dame und Springer kann ich überhaupt noch bewegen, aber diese beiden Trümpfe drohen weiterhin mit baldigem Matt! Nun hat er objektiv nichts mehr entgegen zu setzen, während seine Uhr immer lauter tickt. Er nestelt an seinem Geldschein, verkrampft hält er ihn in der Hand, zieht hastig einen der Züge, die inzwischen alle gleichermaßen aussichtslos geworden sind. Plötzlich sehe ich, wie alt er wirklich ist. Wie abgekämpft, wie ausgeblutet musste sein restliches Leben außerhalb des Schachbrettes sein. Mein Herz bäumt sich auf bei der Vorstellung, dem spielsüchtigen alten Bettelknaben Geld abzuknöpfen.

     >Remis?< biete ich lautlos an; er blickt mich mit ungläubigen Kinderaugen an und schüttelt sofort energisch den Kopf. Horowitz weiß, was gespielt wird. Aber für ihn ist ein Remis wie ein Verlust, daran knabbert er nun schon jahrzehntelang. Einsam, um das Leben betrogen, zum Falschspieler degradiert, zur Spielsucht verkommen. 'Wie kann ich diesen weiteren Pyrrhussieg verhindern?' schoss es mir durch den Kopf. Und glaubhaft müsste es natürlich auch noch sein. Ich berechnete während der letzten verbleibenden Sekunden die kombinatorischen Varianten mit all meiner Kraft: Ja, nun gab es eine sichere Mattführung in vier, nein in fünf Zügen - ob er es ebenfalls schon berechnet hat? Ja, er schaut auf das entsprechende Feld, und sein Blick weicht nicht mehr von der Stelle.

     'Wo bleibt meine Lösung?' schreie ich meinen Vater an, der achselzuckend die Steine vom Brett fegt, das plötzlich auf seinem Grab steht. Ich gebe einige schnelle Schachgebote, zwinge den König in die Ecke. Da, wie ein Blitz zuckte es durch meine Finger, rasch: Damenschach mit Opfer - er muss nur noch den Springer nehmen ...

     >Ha!!< ruft Horowitz zwischen Beschämung und Triumph - und nimmt ihn! Ein letzter Blick auf die Uhr - das Blättchen muss jeden Augenblick fallen - erneutes Schach! Wahnsinn! Er muss auch meine Dame schlagen und nicht zu fassen: Patt! Das war es! Das Blättchen fällt. Ich lehne mich zurück. Meine Züge sind wahrlich erschöpft ... Das drohende Matt des gegnerischen Königs hatte ich gerade noch in ein rettendes Selbstpatt ummünzen können! Remis! Remis!! frohlockte ich innerlich, mein Vater nickte mir lächelnd zu und verschwand im Bodennebel der Erinnerung.

     Horowitz schaute eine lange, dunkle Minute auf das Brett, gab mir dann merkwürdig still die Hand, ließ mich für einen Moment in seine winzigen Pupillen ein und stand dann mühsam auf.

     >Der Rest ist für Sie, Madamchen!< rief er der Kellnerin zu, als er im Geschnatter der Kiebitze das Café verließ.

     Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen vor Klarheit - über die Kehrtwendung meiner Ziele, über die Klärung meiner beruflichen Laufbahn: keine Profikarriere als Schachmeister, keine Caféhauspartien um ein paar Mark im Alter, kein Verzicht auf die Gänze des Lebens! Mein Weg in einen sozialen Beruf erscheint mir auch heute, nach zwanzig Jahren, als ein weises ... Remis.

     Der alte Horowitz spielte noch einige Jahre in jenem verrauchten Café in jener unscheinbaren Seitenstraße zu jenem unseligen Preis. Danach, als es hatte schließen müssen, wusste keiner so recht, wo er geblieben war, bis die Anzeige erschien, von einem Mitglied des örtlichen Schachklubs aufgegeben, da er offenbar keine Verwandten im Westen hatte. Er hatte seine letzten Züge alleine, in einem kleinen, möblierten Zimmer getan. Die Wirtin hatte ihn gefunden, sich erst gewundert, da er doch, anders als sonst, so friedlich dreinschaute ...

     In seiner Hand soll er einen kleinen Zettel gehalten haben, behauptete die gute Frau jedenfalls. Lauter unverständliches Zeug habe draufgestanden, nur Buchstaben und Zahlen und so, aber das letzte Wort habe sie deutlich lesen können: Remis habe es geheißen ...

  

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(C) Hilmar Ebert "Kombiniere ... Matt!" 1995 S. 91-96
 

 

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